Hausmannskost

Hausmannskost

Über viele Jahre hinweg galt die Hausmannskost als spießig und nicht mehr zeitgemäß. Denn seit Jahrzehnten sind auch hierzulande immer exotischere Speisen zu bekommen. Und die Aromen der großen weiten Welt waren natürlich spektakulärer als jene Speisen und Gewürze, die schon Urururoma auf den Tisch brachte. Doch in der heutigen Zeit, in der unser Speiseplan von Mittelamerika über Thailand und Indien bis nach Italien reicht, erwacht immer häufiger eine Sehnsucht nach der traditionellen Art des Kochens. „Futtern wie bei Muttern“ wäre in den 1980er Jahren vielleicht noch wie ein Spottvers aufgefasst worden, heute indes steht er als Garant für Qualität und Tradition. Und plötzlich ist man gedanklich wieder in der Kindheit: War es nicht herrlich, wenn man an nasskalten Tagen vom Spielen in die warme Stube kam und Mama den dampfenden Eintopf auf den Tisch stellte? In solchen Momenten hat niemand von uns gemotzt oder nach Pizza gefragt. Im Gegenteil: Mamas Eintopf war perfekt. Punkt.

Warum eigentlich Hausmannskost?

Wie bereits angesprochen, waren früher eigentlich immer und überall die Frauen für das Kochen zuständig. Ururoma, Uroma, Oma, Mama – ein Mann findet sich kaum irgendwo in dieser Aufzählung. Sofern er nicht durch außergewöhnliche Umstände dazu gezwungen war, hätte sich auch wirklich kein Mann freiwillig in die Küche gestellt. Erstens handelte es sich ganz klar um Frauenarbeit, zweitens hatten die Männer ihre eigenen Aufgaben und daher auch keine Zeit zum Kochen. Allerdings war der Hausmann eben auch der Ernährer der Familie. Von seiner Arbeit und seinem Wohlergehen hing es also ab, ob es der Familie gut ging. Darum wollte es die Tradition auch, dass der Hausmann bei Tisch bevorzugt wurde. Klar, irgendwie sollte jeder satt werden, also auch die Hausfrau, die Kinder sowie eventuell weitere Verwandte und Hauspersonal. Wichtig war aber, dass es dem Hausmann schmeckte und er satt und glücklich wurde. Dementsprechend richtete sich die Frau beim Kochen auch nach den individuellen Vorlieben und Wünschen ihres Gatten und sorgte dafür, dass er die größte und ggf. auch beste Portion auf den Teller bekam.

Natürlich spielten die exotischen Zutaten, die heute die Auswahl in jedem Supermarkt dominieren, damals noch keine Rolle. Wenn die Hausfrau Pfeffer in ihrem Gewürzregal hatte, war der Exotik damit Genüge getan. Wichtig war vor allem, dass der Hausmann, der oftmals auch eine anstrengende körperliche Arbeit zu verrichten hatte, von der servierten Mahlzeit ausreichend satt wurde und gestärkt wieder aufstand. Charakteristisch für die Hausmannskost war aber auch, dass sie im Prinzip in jeder gewünschten Menge für jede Personenanzahl zubereitet werden konnte. Eine erfahrene Hausfrau kannte natürlich immer Tricks und Kniffe, um das auf dem Herd stehende Mahl zu verlängern. Also konnte der spontan vor der Tür stehende Gast wie selbstverständlich mit an den Tisch gebeten werden, ohne dass die Familie sich etwas vom Munde hätte absparen müssen.

Hausmannskost: Immer üppig, aber selten fein

Damit ist freilich nicht gesagt, dass Hausmannskost den Konterpart zur Gourmetküche darstellen würde. Denn man achtet bei der Zubereitung von Hausmannskost durchaus darauf, zu frischem Gemüse und hochwertigem Fleisch oder Fisch zu greifen. Dafür dürfen exotische Zutaten oder Gewürze bei der Hausmannskost gerne im Schrank bleiben. Ein kräftiges Gulasch etwa braucht weder Curry noch Safran und auch die klassischen Kohlrouladen begnügen sich mit einigen wenigen Gewürzen.

Als echter Inbegriff der Hausmannskost gelten freilich seit jeher (und inzwischen wieder mit wachsender Beliebtheit) die kräftigen Eintöpfe. Ob Linseneintopf mit Gemüse, eine herzhafte Kartoffelsuppe mit Würstchen oder eine grüne Bohnensuppe mit Kasseler: Hier ist von klein bis groß wirklich (fast) jeder begeistert und nimmt auch gerne nach, solange der dampfende Topf noch auf dem Tisch steht. Sehr schön ist dabei, dass sich diese eigentlich klassischen Eintöpfe sehr vielseitig interpretieren lassen. So ist es kein Sakrileg mehr, wenn auch exotische Zutaten den Weg in die Hausmannskost finden. Vegetarier dürfen auf Fleisch und Wurst selbstverständlich verzichten und finden auf Wunsch fleischfreie Ersatzprodukte in jedem Supermarkt. Und wer es gerne etwas pikanter mag, der greift noch bei Tisch zur Tabasco-Flasche, um seinem Eintopf den gewünschten Pepp zu verleihen. Außerdem schaut natürlich niemand verwundert, wenn der Hausmann selbst für die Zubereitung des Essens zuständig ist.

Zutaten und Gewürze in der Hausmannskost

Traditionell kommt in der Hausmannskost in den Topf und auf den Tisch, was der eigene Garten und Wochenmarkt anzubieten haben. Früher war man hier natürlich sehr abhängig von der aktuellen Saison, weshalb die Mahlzeiten mit den Jahreszeiten wechselten. Frisches Obst und Gemüse gab es im Sommer, im Herbst gerne auch Pilze und im Winter hauptsächlich Kohl und Wurzelgemüse. Eine gewisse Unabhängigkeit erreichte die Hausfrau durch lagerfähige Zutaten wie Kartoffeln, diverse Getreidesorten oder Linsen. Diese Komponenten ließen sich eigentlich zu jeder Jahreszeit wenigstens zu einem Eintopf verarbeiten, wobei die sonstigen Zutaten eben wechselten, je nach Verfügbarkeit.

Darum ist die Hausmannskost auch abhängig von der jeweiligen Region und hat sich teilweise sehr unterschiedlich entwickelt. An der Küste beispielsweise ist Fisch bereits seit Urzeiten ein fester Bestandteil der Hausmannskost, während man in Süddeutschland bereits seit Jahrhunderten Schwerpunkte bei Fleisch- und Milcherzeugnissen setzt.

Bei Gewürzen genügte es oft bereits, wenn man Salz und Pfeffer im Haus hatte. Exotische Gewürze waren meist unerschwinglich, dafür fand man aber einige Würzmittel sogar im eigenen Garten. Die Wacholderbeere etwa ist auch aufgrund ihrer Verfügbarkeit zu einem wichtigen Küchengewürz aufgestiegen.

Getränke zur Hausmannskost

An gewöhnlichen Wochentagen war die Sache eigentlich klar: Der Hausmann und eventuell weitere männliche Tischgäste durften sich durchaus an einem Bier erfreuen, während die Hausfrau, andere Frauen und die Kinder zum Wasser greifen mussten. Sonntags kam manchmal auch eine Karaffe mit Wein auf den Tisch, die jetzt nicht nur dem Hausmann vorbehalten war. Kindern war der Alkohol auch an diesem Tag verboten, dafür durften andere Tischgäste gerne zugreifen.

Natürlich gab (und gibt) es hier auch einige regionale Unterschiede. So wird in typischen Weingegenden auch wochentags eher Wein als Bier getrunken. Beim Bier indes haben sich die regionalen Elemente weitgehend abgeschliffen: Das noch vor Jahrzehnten meist im Süden Bayerns getrunkene Weißbier hat sich längst bis an die Küsten vorgearbeitet. Dafür bekommt man im Voralpenland problemlos auch ein dunkles Kellerbier zu seiner Hausmannskost.

Gutbürgerliche Küche oder Hausmannskost?

Bis vor rund einhundert Jahren wurde hier tatsächlich noch unterschieden. Zwar gab es auch in gutbürgerlichen Haushalten die Hausmannskost (im Wortsinne). Die ärmere Bevölkerung musste aber auf viele Zutaten und Gewürze verzichten, die in gutbürgerlichen Haushalten bereits üblich waren, denn die waren im Einkauf einfach viel zu teuer.

Womit nicht gesagt wäre, dass sich diese beiden Fraktionen unvereinbar gegenüberstanden. Denn mit zunehmendem Wohlstand der Gesamtbevölkerung wuchsen auch Auswahl und Qualität in der Hausmannskost bei Otto Normalverbraucher. Zwar ist es ein recht neues Phänomen, dass sich die Menschen hierzulande im Prinzip an jedem Tag der Woche so ernähren können, wie es ihren eigenen Vorlieben entspricht (also ohne besonderen Fokus auf die Lebensmittelpreise legen zu müssen). Der Begriff des Sonntagsbratens stammt aber aus dieser Zeit des Wandels, in der auch die ärmeren Bevölkerungsschichten kulinarische Highlights für sich entdeckten. Wenigstens sonntags sollte ein ganz besondere Mahl auf den Tisch kommen. Denn sonntags hatte man frei, die Familie kam zusammen und man konnte sich für das Mittagessen deutlich mehr Zeit lassen als sonst. Faktoren, die freilich auch heute noch eine Rolle spielen, darum sind zeitintensivere Menüs wie der klassische Rinderbraten immer noch ein beliebtes Sonntagsessen.


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Von: Anno Stock
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